Der schlurfende Hausschuh

von Björn Benthack

Hell erleuchtete Flure, finstere Gestalten, eine dezente Mischung aus Urin, Kot und Desinfektionsmittel bahnt sich ihren Weg durch die Atemwege hinauf in die Rezeptoren der Hirnrinde, die nur eine sinnvolle Schlussfolgerung zulassen: Herr Pantoffel ist ein Kassenpatient.
Mürrisch bewegt er sich durch die heiligen Hallen einer x beliebigen hiesigen Asklepiosklinik, auf der Suche nach der diensthabenden Oberschwester. Dienstzimmer? Fehlanzeige. Ohnehin vermutete Herr P., Oberschwester E. eher im Raucherzimmer dieser äußerst lebendigen und vergilbten vier Wände.

Da Herr P. jedoch in seiner eigenen bescheidenen Behausung beim Staubwischen vom Treppenlift seiner dementen Frau umgenagelt wurde und daraufhin einen Nasenbeinbruch erlitt, fiel ihm das Erschnuppern der diensthabenden Oberschwester doch etwas schwer.

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An Tagen wie diesen

aus “Zurückgespult – Analoggeschichten in Stereo”

von Martin Sieper

„Telefonieren im Auto ist voll einfach. Du musst nur dein Handy mit dem Blueberry verbinden.“
Oma lacht und rutscht unruhig auf dem Rücksitz hin und her.
„Ähm. Du meinst Bluetooth, oder?“ frage ich.
„Quatsch! Samsung Iphone!“ Jetzt bin ich verwirrt. Meine Großeltern halten nicht sehr viel von moderner Technik. Letztes Jahr haben wir ihnen zu Weihnachten einen EDV Kurs an der VHS geschenkt. Seit dem ist Oppa der festen Überzeugung, dass man mit Windows Vista den Krieg definitiv auch verloren hätte. Das geht schon so weit, dass er uns glaubhaft machen wollte aus seinem Weltenempfänger Klopfbotschaften des russischen Geheimdienstes zu empfangen, bis mein Bruder ihn darauf hingewiesen hatte, dass er Dubstep auf Sunshine Live höre.

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Im Internet kann man alles finden! Aber wo?

von Dominik Bartels

Ich persönlich glaube ja, dieses Internet wird sich nicht durchsetzen. Das ist doch nur so ein Trend. So eine kurzfristige Erscheinung. Nicht mehr als ein Intermezzo in der Menschheitsgeschichte. Im Grunde so etwas wie Ballonseideanzüge. Klar, das hat man in den Achtzigern getragen und das fand man auch schick. Aber damit läuft doch keine Sau mehr herum. Na gut, so ein paar Nostalgiker vielleicht. Aber im Grunde haben wir alle diese Phase überwunden.

Bei diesem Internet wird es genauso sein. Irgendwann wird man sich vor die Stirn hauen und seinen Kindern lachend erzählen: „Mensch, damals, das waren vielleicht verrückte Zeiten. Kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. In diesem Internet verschwanden früher unglaublich viele Senioren, nachdem sie die Tastenkombination ALT und ENTF gedrückt hatten. Und nach den Senioren traf es unzählige Autofahrer. Damals fragte niemand mehr nach dem Weg oder schaute in den guten, alten Straßenatlas. Man verließ sich voll und ganz auf das Navigationsgerät. Klar … natürlich sahen die Kraftfahrer den Baum kommen, aber das NAVI befahl leidenschaftslos: „Bitte jetzt rechts abbiegen. Jetzt rechts abbiegen.“ Und dann … ja, dann gingen die Lichter aus.

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BigTalkMonster

von Adina Wilcke

„Ich habe drei Geschwister, studiere Kulturgeschichte und in meiner Freizeit, da bin ich im Theater zu finden und wenn ich etwas suche bin ich auf Ebay.“ „Ich bin Einzelkind, studiere Elektrotechnik und zu finden braucht man mich nicht, denn ich bin meistens vor meinem PC und meine bevorzugte Suchmaschine ist meine Mutter.“

Smalltalk. Überbewertet. Seit Stunden sitzen wir nun hier und verbrauchen Sauerstoff, der sich längst verflüchtigt hat so dass wir nur noch das Ausatmen des anderen einatmen. Vor dir steht dein drittes Bier. Meins hingegen ist schon warm und ich sehe wie sich langsam ein kleiner Flaum am Boden meines Glases bildet. Bevor mich die Faszination des abgestandenen Getränks ganz übermannt, werde ich mit deinem Räuspern in die unangenehme Stille zurückgeholt.

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Morgen

von Osama

Kennt ihr das?
Ihr sitzt so vor eurem Kokosnussöffner und auf einmal, da fällt es euch wieder ein. Ihr wolltet da ja noch was machen. Ja, was ganz wichtiges. Nur was?
Der Müll ist rausbracht, die Sau gschlacht, der Kaffee gmacht nur an diese eine Sache habt ihr nicht mehr gedacht. Diese eine Sache, die wichtiger für euch ist als Salzstreuer, Magenbitter, Malzsteuer oder Schokoritter.
Ihr sitzt vor eurem Chinchilla-Laufstall und denkt nach über diese eine Sache. Ja, was war das nochmal?

War es der Text, den du noch nicht geschrieben hast?
der Spitzenwein, den du nie getrunken hast?
Oder was fällt dir gerade so zur Last?
Hast du deine emotionalen Hausaufgaben wieder nicht gemacht?
Deine Freunde vergessen, deine Angebetete unabsichtlich ausgelacht.
Hast du dich nicht bedacht an diese Sache rangemacht?
Sachte sollte man mit Menschen sprechen.
Sie mit seinen Worten weder unter- noch anbrechen.
Manche Worte verschwinden zwar schnell, aber andere, die brennen sich ein.
Vergiss hier mal den Schein des gespielten Gut-drauf-sein.

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Mutter

von Andreas Weber

Freitag, 16 Uhr. Im Café Grotemeyer ist der Altersdurchschnitt heute bei ungefähr siebzig Jahren. An normalen Tagen liegt der Durchschnitt der Damen und Herren bei circa achtzig Jahren, aber ich bringe eine Menge frisches Blut in den Laden. Neidisch, auch ein wenig lüstern, schaut man auf meine frische, glatte Haut, bewundert mein volles Haar. Hinter den Sahnetorten tuscheln die Damen. An Tagen, wo ich mich alt und verbraucht fühle, besuche ich gerne das Grotemeyers. Hier bin ich der Einäugige unter den Blinden. An Tagen wie zum Beispiel heute, denn heute hab ich Geburtstag. Mit Mutter, Filterkaffee und Stachelbeertorte feiere ich meine zweiundvierzig Jahre.

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Zwei Augen

von Wilken Wehrt

Nach einer langen Zeit tiefer Bestürzung – ich meine nach einer Zeit voll gesogen von der Empfindung eine Klippe zu sein, deren Steine und Brocken mit extremer Geschwindigkeit auf dem Boden zerplatzen und zerspringen – ging mir eine neue Sonne auf; eine Sonne, die eigentlich nur zwei glitzernde Augen sind, die mich so sehr innerlich einnahmen, dass sie anzusehen immer wieder eine Mischung aus Überwindung und Wille zur Selbstzerstörung nötig machte oder kurz – sie waren zu schön. Ein Glück, dass sanft herab fallende Haare ab und an das Ganze dieses Blickes wie leichte Gardinen verschleierten. Aber eigentlich nur vergebens taten. Diese Augen, diese gigantischen Monumente seligen Lebens, saßen anfangs ein paar wenige Meter von mir entfernt, aber die Entfernung die wirklich zwischen mir und diesen Augen war schien mir länger zu sein als die Umlaufbahnen der Erde.

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Gute Laune in Klein Fitzdorf – Captain Kalle ermittelt

von Christoph Marf

Vier: Viertklässler Mike und die Joghurt-Problematik

Von unten betrachtet sieht alles viel größer aus, denkt sich Kalle noch, und schon landet er mit dem Gesicht voraus im Komposthaufen der Grundschule. Ja, wir befinden uns in der zweiten Großen Pause und unser Held Kalle vergnügt sich gerade wieder ein wenig mit seinem Kumpel Mike. Naja, Mike vergnügt sich. Obwohl der auch nicht so richtig glücklich aussieht. Es scheint für beide einfach ein Routineprogramm geworden zu sein, das sie Tag für Tag, Pause für Pause, abspulen
„Gib mir deinen Joghurt, Kalle! Du kennst das Spielchen doch mittlerweile!“

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Mein erstes Mal

von Conny Ertl

Das erste Mal ist immer schmerzhaft. Wie man sich auch dreht und wendet. Und gewunden hab’ ich mich lang. Ich wollte mir diese Erfahrung ersparen, wirklich. Aber erst erwischt’s die erste Freundin, dann die zweite und die dritte. Und alles was ich höre ist: „Conny, das musst du auch versuchen! Ja, es tut schon weh. Aber es lohnt sich! Und wenn du dich einmal dazu überwunden hast, dann willst du nie wieder was anderes!“
Jetzt bin ich also 29. Und es wird allerhöchste Zeit!

Wir Frauen haben’s echt nicht leicht. Achtung, Männer, in den nächsten Minuten kommen unter Umständen Wahrheiten über das schöne Geschlecht ans Licht, die ihr nie wissen wolltet. Aber wo ihr schon mal da seid…

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Wir können Klöße machen – die Welt steht uns offen

von Peter Janicki

Meine Freundin und ich, wir wollten die Weltherrschaft übernehmen, also, um genau zu sein: Ich Weltherrschaft, sie Haushalt. Dachte mir: für Weltherrschaft machen, mach ich doch erst noch mal ein Praktikum – in ´ner Terrororganisation, nur mal so zum Beispiel. Im Vorstellungsgespräch wollte ich aber nicht meinen echten Namen sagen, sonst kriegt man ja auch immer Werbung und E-Mails und so, deswegen Geheimidentität: behauptete ein farbiger jüdischer Hase arabischer Herkunft zu sein. Ich nannte mich „Hase L.-Nussbaum“, hatte dann aber schnell den Spitznamen „Nutella“ weg.

Durfte aber nur in die Nachwuchsorganisation. Und während die Erwachsenen, sozusagen die Ü20 Terroristen, Paketbomben verschickten, durfte ich halt nur … na ja, was halt U20 Terroristen verschicken dürfen: Postkarten. (War aber trotzdem nicht ganz umsonst, immerhin lernte ich Martin Sieper kennen, der war da aber nur zum Englisch lernen). Ich war ziemlich beleidigt und ich kann das gut.

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